NZZ Folio 12/01 - Die Zeitschrift der Neuen Zürcher Zeitung

Das eine Gefühl zieht das andere aus der Tiefe

Bericht aus einem Workshop.

Von Ulla Fröhling

Wie ein zerknüllter Regenbogen leuchtet der bunte Seidenschal im dämmerigen Raum. Zwölf Frauen und Männer schauen stumm auf den Farbrausch, der sich entfaltet. Der 13. Stuhl ist leer. Aus Nepal stammt der flammende Stoff, Geschenk der Freundin eines Freundes. Die Freundschaft ist längst zerbrochen. Das Tuch aber gibt einen älteren Erinnerungssplitter preis: Kinderschuhe, 54 Jahre alt. Johanna setzt das Paar in die Mitte des Kreises. Winzig, braun und abgewetzt, an den Sohlen getrocknete Erde von Strassen, auf denen schon lange kein Kind mehr spielt.

Am Rande des Raumes, ein Tanzsaal fast, 90 Quadratmeter mit schwingendem Holzboden, knacken Buchenscheite im Eisenofen. Das einzige Geräusch.

«How good to know», sagt schliesslich Ruth aus London, «wie gut zu wissen, dass manche Kinder, die solche Schuhe trugen, doch erwachsen wurden.» Allen steht sofort das andere Bild vor Augen: Berge von Kinderschuhen im Vernichtungslager Majdanek. Von deren Besitzern ist keiner erwachsen geworden.

Dann ist es wieder still...

Das Soonwald-Schlösschen, früher Jagdschloss, heute Tagungsstätte, hat etwas Verwunschenes. So viel zum äusseren Schein. In Wirklichkeit hat Max Schmeling hier Sauen gejagt. Schiessstände und Jagdtrophäen sind verschwunden. Ein Teil des Wildes auch ...Der Soonwald, eines der grössten deutschen Waldgebiete, liegt im südöstlichen Hunsrück. Mittelgebirge, sumpfige Moore, tiefe Bachtäler. Eher karg als idyllisch. Hier nahm Edgar Reitz seine beiden preisgekrönten Fernsehserien «Heimat» auf. Die dritte wird gerade gedreht. Historischer Boden, über den viele Völker gewandert sind. Auch der Schinderhannes lebte hier, von Volksmund, Literatur, Film und Tourismusbranche zum deutschen Robin Hood hochgelobt. In Wirklichkeit aber nur ein Räuber unter vielen zur Zeit der französischen Revolutionskriege...

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